In der Pupplinger Au

Zwei Jahre nach einem ersten Besuch im Murnauer Moos will ich dort noch einmal nach der Sumpf-Stendelwurz (Epipactis palustris) schauen, die mich damals mit der Orchideen-Leidenschaft infiziert hat. Zuerst aber schaue ich mir am 7. Juni 2005 die Pupplinger Au an: Dieses Waldgebiet bei Wolfratshausen ist ein beliebtes Ausflugsziel der Münchener.Isarauen

Cypripedium calceolusVom Restaurant "Aujäger" aus führt eine kleine Landstraße parallel zur Isar in den Wald. Von dort aus gehen kleinere Wege ab, und an einem Pfad steht eine kleine Gruppe von Frauenschuh-Orchideen in voller Blüte. Auf einer Lichtung recken einige Mücken-Händelwurze (Gymnadenia conopsea) ihre Blütenstände hoch, die kleinen Knospen sind aber noch nicht aufgegangen - der Winter dauerte hier in diesem Jahr länger als sonst.

Aber schön aufgegangen sind die Weißen Waldhyazinthen (Platanthera bifolia), die im lichten Wald zahlreich blühen. Vor einem Gesträuch stehen auch Zweiblätter (Neottia ovata) mit ihren winzigen grünen Blüten, deren Schönheit sich erst beim genauen Hinschauen zeigt.

Im Hochmoor

Murnauer MoosDas Murnauer Moos, mit 32 Quadratkilometern das größte zusammenhängende Moorgebiet in Mitteleuropa, erstreckt sich südlich von Murnau am Kochelsee. Von den 946 hier gezählten Pflanzenarten stehen 164 auf der Roten Liste der gefährdeten Arten. "Hier verbinden sich großflächig Streuwiesen, Nieder- und Übergangsmoore, Quelltrichter, Altwasser und Restseen mit voll ausgebildeten Hochmooren zu einem Komplex von Lebensräumen mit vielen seltenen und gefährdeten Tieren und Pflanzen.

Zu den bundesweit gefährdeten Arten zählen u.a. Herbst-Wendelorchis, Wanzen-Knabenkraut, Glanzorchis, Sibirische Schwertlilie, Karlszepter, Torf-Segge, Zierliches Wollgras, Moor-Binse, Moor-Steinbrech, Heidelbeer-Weide, Niedrige Birke, Wachtelkönig, Weißrückenspecht, Raubwürger und Kreuzotter." (Bundesamt für Naturschutz)

Dactylorhiza incarnata

Dactylorhiza incarnataAm ersten Tag laufe ich zunächst durch den nördlichen Teil des Moorgebiets. Überall auf den Wiesen steht hier das Fleichfarbene Knabenkraut (Dactylorhiza incarnata) mit seiner Unterart, dem Strohfarbenen Knabenkraut (Dactylorhiza incarnata subsp. ochroleuca). In seiner Hauptform ist D. incarnata gut zu erkennen an den violett überlaufenen und besonders großen Tragblättern im Blütenstand und an dem feinen Muster auf der Lippe.

Die Blätter sind meist ungefleckt, aber Varianten wie haematodes und hyphaematodes haben auch stark gefleckte Laubblätter - überhaupt scheint dieses Merkmal kaum geeignet, um die Knabenkräuter im Murnauer Moos zu bestimmen. Am einfachsten zu erkennen ist das Strohgelbe Knabenkraut (D. incarnata subsp. ochroleuca) als Unterart von D. incarnata. Schon von weitem leuchtet ihr blasses Gelb im Gras, oft wachsen Haupt- und Unterart in unmittelbarer Nachbarschaft zusammen.

Zwischen Wollgras und Schwertlilie

Die Knabenkräuter stehen zwischen Wollgras (Eriophorum latifolium), dem in Deutschland vom Aussterben bedrohten Sumpf-Läusekraut (Pedicularis palustris), der blauen Schwertlilie (Iris sibirica) und weiteren typischen Pflanzen von Feuchtgebieten.Wollgras im Murnauer Moos

Der Versuch, jedes Knabenkraut eindeutig zu bestimmen, stößt im Murnauer Moos schnell an seine Grenzen - ein Dank hier für die Hilfe des Diplombiologen Stefan Kattari von der Universität München. Zum einen gibt es eine unerschöpfliche Formenvielfalt, zum anderen Hybrid-Bildungen zwischen verschiedenen Arten - die Evolution ist bei Dactylorhiza ganz offenkundig noch nicht abgeschlossen. Dactylorhiza traunsteineriDas Foto unten zeigt Dactylorhiza traunsteineri, deren Blüten heller gefärbt sind als D. incarnata, mit deutlich abstehenden seitlichen Sepalen und gerundeten Seitenlippen.

Zur Erholung von der verwirrenden Formenvielfalt der Dactylorhiza-Arten wende ich mich dieser Mücken-Händelwurz (Gymnadenia conopsea) zu, die hier unter der freien Sonne schon weiter aufgeblüht sind als im Isar-Wald. Nichts zu sehen ist aber von der Sumpf-Stendelwurz - schade.

Das Weidmoos bei Ettal

Weidmoos bei EttalAm nächsten Tag schaue ich mir ein paar Kilometer weiter südwestlich das Weidmoos bei Ettal an, ein feuchtes Kalkflachmoor mit kleinen Hochmoorinseln, die zwischen Ammer und Ettaler Mühle gelegen sind. Entstanden ist das Weidmoos durch Verlandung eines nach der Eiszeit hier gelegenen Schmelzwassersees. Dort gerate ich am 9. Juni in einen heftigen Hagelschauer. Im Blattgrund des Gelben Enzians sammeln sich die Eiskörner zu einer dicken Schicht - Enzian on the rocks.

Dactylorhiza lapponicaSchon wenige Schritte hinter der Ettaler Mühle sieht man auf der rechten Seite dunkelviolett blühende Knabenkräuter (links), die sich schließlich als Vertreter des Lappländischen Knabenkrauts (Dactylorhiza lapponica) bestimmen lassen: Die Seitenlippen der purpurroten Blüte sind nach hinten gebogen. Auf der Mooswiese blüht massenhaft die Mehlige Schlüsselblume (Primula farinosa), die wie die Orchideen einen kalkreichen Boden liebt.

Dactylorhiza traunsteineri ist nicht immer leicht vom Breitblättrigen Knabenkraut (Dactylorhiza majalis) zu unterscheiden. Dieses hat aber meist breitere Blätter und einen gedrungenen Wuchs.

Am Nachmittag laufe ich den Bergweg zur Ettaler Mandl (1633 m) und weiter zum Laber (1686 m) hinauf. Wie unten im Weidmoos blüht hier der Stengellose Enzian (Gentiana clusii). Von den Orchideen ist aber nur die Vogelnestwurz (Neottia nidus-avis) zu finden - das "Hässliche Entlein" unter den Orchideen ernährt sich von Pilzen und benötigt weder Chlorophyll noch Insekten zur Bestäubung.

zum Schluss noch ins südliche Murnauer Moos

Murnauer MoosZum Abschluss der Moos-Exkursion schaue ich mich am 10.6. noch im südlichen Teil des Murnauer Mooses um. Hier bietet sich erneut die Gelegenheit, die Vielfalt der Gattung Dactylorhiza zu studieren - mit hübschen Vertretern von Dactylorhiza incarnata und D. incarnata subsp. ochroleuca, Dactylorhiza traunsteineri und Dactylorhiza fuchsii. Was bleibt, ist die Erkenntnis, dass sich hier nicht jedes Knabenkraut so ohne weiteres in eine Schublade einordnen lässt - die Natur ist hier weit kreativer als die Wissenschaft.