Taubergießen - Mai 2005
Eine eindrucksvolle Blütenvielfalt bieten im Mai die Wiesen im Naturschutzgebiet Taubergießen am Oberrhein, benannt nach den "tauben", das heißt vom Rhein abgeschnittenen Quellgewässern. Bei leichtem Nieselregen treffe ich am 17. Mai 2005 am frühen Vormittag auf dem Parkplatz vor der Rheinfähre von Kappel nach Rhinau ein, etwa 15 Kilometer südwestlich von Lahr im Schwarzwald gelegen.
Der Hochwasserdamm bei Kappel, kurz vor der Rheinfähre nach Rhinau, ist ein beliebtes Ausflugsziel von Orchideenfreunden - und auch ein Ort, an dem die negativen Begleiterscheinungen sichtbar werden. Obwohl sich der nur drei bis sechs Meter breite Wiesenabschnitt des Hochwasserdamms vom unteren Weg aus wie in einem Garten einsehen lässt, zerschneiden Trampelpfade den Hochwasserdamm - vor allem im ersten Abschnitt des Weges und entgegen der Hinweise auf dem Parkplatz am linken Straßenrand. Dabei muss man nur wenige Meter gehen, um auf Orchideen zu stoßen, die direkt am Wegrand blühen.
Am Anfang des "Orchideenwegs", gekennzeichnet durch ein Schild mit zwei Ragwurz-Blüten, finden sich zwischen den blauen Blüten des Wiesen-Salbeis (Salvia pratensis) und dem vielfachen Weiß der Wucherblume (Leucanthemum vulgare) erste Blütenstände der Pyramiden-Hundswurz (Anacamptis pyramidalis), die nach dem verregneten Morgen erst am unteren Ende aufgeblüht sind. Schon weiter ist das Brand-Knabenkraut (Neotinea ustulata) mit seinen winzigen Einzelblüten und dem hübschen Farbkontrast von Purpur und Weiß. Wenige Schritte weiter gesellt sich auch das Helm-Knabenkraut (Orchis militaris) dazu.
Das Prunkstück des Hochwasserdamms aber sind die Ragwurz-Orchideen, die sich zu hunderten über den unteren Abschnitt des Damms erstrecken. Zumeist ist es die Hummel-Ragwurz (Ophrys holoserica) mit ihren vielfältigen Varianten an Farben und Formen der einzelnen Blütenteile. Neben dem vorherrschenden Violett der Sepalen wie der kleinen Dreiecksspitzen der oberen Petalen finden sich auch hellere Töne bis hin zum grünlichen Weiß. Besonders auffällig ist die apochrome Form der Hummel-Ragwurz mit ihrer weiß-gelben Lippe. Dazwischen sind auch die dunkelbraunen Lippen der Spinnen-Ragwurz (Ophrys sphegodes) zu sehen, ebenso wie Hybrid-Bildungen zwischen beiden Ragwurz-Arten. Nichts zu sehen ist hingegen von der Bienen-Ragwurz (Ophrys apifera), die in der Literatur für Taubergießen erwähnt wird. Dafür wartet am Damm schon das nächste Highlight im wörtlichen Sinne: hoch gewachsene Bocksriemenzungen (Himantoglossum hircinum). Die größten in einer Gruppe von fünf Pflanzen sind gut 60 Zentimeter groß, fallen schon von weitem ins Auge - und sind mit ihrem charakteristischen Duft auch zu riechen.
Nach etwa zwei Kilometer führt der Weg vom Hochwasserdamm nach links in die Wiesen und nach einer weiteren Linksbiegung vor einem größeren Gehölz zurück zur Straße. Unterwegs sind immer wieder Neotinea ustulata und Orchis militaris sowie Ophrys holoserica zu sehen. Dazwischen tummeln sich die Hufeisen-Azurjungfer, die Gebänderte Prachtlibelle oder die Dänische Eintagsfliege. Auf der anderen Seite der Straße folge ich dem Hochwasserdamm in nördlicher Richtung. Hier wachsen vor allem Orchis militaris, aber auch noch einige Ophrys holoserica.
Der Boden der Rheinauen wird bestimmt von kalkhaltigen Kiesrücken, bei den regelmäßgen Hochwassern wurde zudem feinkörniger Schlamm aus dem Rhein abgesetzt. Begünstigt wurde die Entstehung des einmaligen Orchideen-Standorts aber auch dadurch, dass die Wiesen lange Zeit im Besitz von Bauern der anderen Rheinseite waren. Da der Transport von Jauche und anderem Dünger über den Fluss zu mühsam war, blieben die Böden nährstoffarm, was zur idealen Voraussetzung für die Orchideen-Flora wurde.
Vom Parkplatz aus folge ich dem Damm dann auch in nördlicher Richtung. Hier wachsen viele Orchis militaris auf beiden Seiten des Damms und auch noch einige Ophrys holoserica. Immer wieder ist der Kuckuck zu hören. An zwei Stellen am Waldrand haben Imker ihre Bienenkästen aufgestellt.
Am 20. Mai - nach einem Ausflug in den Kaiserstuhl bin ich noch einmal in Taubergießen, diesmal erkunde ich den Rheindamm weiter südlich, von Rheinhausen aus bis zur Höhe von Rust. Dort wachsen aber nur wenige Orchis militaris, so dass ich noch einmal zum "Orchideenweg" an der Rheinwiese zurückkehre. Diesmal finde ich auch den hier eher seltenen Ohnsporn (Orchis anthropophora).