Sizilien - April 2004

Buccheri, SizilienAngeregt vom Exkursionsbericht von Helmuth Zelesny habe ich mich zur Orchideensuche in Buccheri einquartiert, eine Autostunde südwestlich von Catania. Trotz der Osterzeit bin ich dort der einzige Tourist - und unter den Bewohnern der 820 Meter hoch in den Monte Iblei gelegenen Kleinstadt ist es kaum bekannt, dass es in der Umgebung so viele Orchideen gibt. "Mehr als 20 Orchideenarten, habt Ihr das gewusst?!" fragt Barkeeper Salvatore seine Stammgäste beim Kartenspiel.

Macchia auf SizilienMein erstes Ziel ist der Monte Lauro (986 m) im Südwesten der Stadt, den ich allerdings erst am dritten Tag erreiche - die Macchia der Umgebung ist so reizvoll, dass sie erst einmal in Ruhe erkundet werden will. Oberhalb eines Bachs nordwestlich von Buccheri finden sich die ersten Anacamptis morio ssp. longicornu und Anacamptis papilionacea in einem Gebiet, das wegen zahlreicher Kalkfelsen und Unebenheiten nicht mehr als Kuhweide benutzt wird. Besonders artenreich ist ein kleines Terrain, links an einer einer Wegkehre, das in mehreren Terrassen zum Bach abfällt. Hier finden sich die ersten Ophrys-Arten wie eine im Gras kaum zu erkennende Ophrys speculum und gleich daneben auch eine besonders schöne Ophrys incubacea. Meine beiden Kameras (Nikon Coolpix 5000 und die analoge Nikon 801 mit Micro-Nikkor 55mm) sind im Dauereinsatz, um insgesamt zehn Arten festzuhalten.

Podarcus siculaAm zweiten Tag komme ich in eine besonders reizvolle Macchia-Landschaft westlich der Landstraße 124 nach Vizzini. Auf einer ausgedehnten Hochebene findet sich hier die schöne Ophrys tenthredinifera und auch eine kleine Gruppe von Orchis provincialis. In der einsamen Landschaft sind Ruinen-Eidechsen (Podarcus sicula) die einzigen Begleiter. Die ersten Serapias-Orchideen finde ich schließlich am 10.4. unterhalb des Monte Lauro - dabei folge ich eine zeitlang dem Sentiero Italia, der in Buccheri an der Chiesa di Crucifisso zu finden ist. Hier gibt es auch Orchideen aus der Gruppe um Ophrys fusca, die ich aufgrund der deutlichen Längskerbung der Lippe mit Hilfe von Pierre Delforge (Guide des Orchidées d'Europe) als Ophrys obaesa bestimme.

Ein Ausflug in die Anapo-Schlucht und zu den Felsgräbern von Pantálica ist am 11.4. vor allem landschaftlich und kulturgeschichtlich reizvoll. Aber auch hier lassen sich Orchideen finden wie die leuchtend gelbe Ophrys lutea. Gelegenheit zu interessanten Fachgesprächen über die heimischen Orchideen gibt es am 12.4. bei einem Besuch des Naturschutzgebiets von Gela, dem Biviere di Gela. Ein Mitarbeiter am Eingang führt mich zielstrebig zu einer Ophrys oxyrrhinchos, die allerdings hier unten am Meer schon fast verblüht ist. Und in einem alten Fiat fährt er mich dann noch ein paar hundert Meter durch eine mit Thymian bewachsene Landschaft und zeigt mir stolz eine Ophrys lunulata - "die gibt es nur bei uns auf Sizilien!" Ebenso ergiebig ist das nächste Ziel, das nördlich von Gela gelegene Naturschutzgebiet Sughereta di Niscemi. Hier bekomme ich von dem Mitarbeiter am Eingang sogar einen Spezialführer in die Hand gedrückt, den "Guida alle Orchidee delle R.N.O. Bosco di Santo Pietro e Sughereta di Niscemi", der sich beim Bestimmen als nützliche Ergänzung zu Delforge erweist. In dem von Wald und Macchia bestimmten Naturschutzgebiet wachsen Ophrys archimedea, weitere Ophrys oxyrrhinchos, Ophrys incubacea und wohl auch schwierig zu bestimmende Hybriden.

Anacamptis morio ssp. longicornuAuf der Fahrt nach Siracusa fällt mir am 13.4. vor Buscemi ein Gebiet ins Auge, das sich als besonders artenreich erweist. Neben den schon entdeckten Pflanzen finde ich hier auch eine erste Dactylorhiza, eine rein gelbe Dactylorhiza romana. Als ich dieses Gebiet am 15.4. noch einmal genauer erkunde, laufe ich auch durch den Wald links von der Straße, wo eine Ophrys tenthredinifera mit blassgelben Sepalen wächst. Ein Ausflug zum Ätna (14.4.) zeigt mir in eindrucksvollen Lava-Landschaften die nur dort wachsenden Ätna-Veilchen; Orchideen finde ich aber nicht in den Wäldern südlich des Vulkans.

SizilienNach einem Kultur-Tag am 16.4. in Noto bin ich am 17. wieder südlich von Niscemi, diesmal im weitläufigen Bosco di Santo Pietro. Neben mehreren Serapias-Orchideen stoße ich hier auf eine besonders große Ophrys lunulata, bei der sich die unteren Blüten bereits zur Frucht entwickeln, und auf eine Orchis italica, die gerade von einer Biene bestäubt wird. Den letzten Tag verbringe ich dann noch einmal in der unmittelbaren Umgebung von Buccheri - nach gut einer Woche hat sich die Vegetation schon weiter entwickelt, und selbst auf der Höhe ist Ophrys incubacea bereits teilweise verblüht.

Der Südosten Siziliens ist ein wahres Orchideen-Paradies. In zwölf Tagen habe ich 21 Arten bestimmen können und eine faszinierende Landschaft kennengelernt. Außerdem habe ich die noch weitgehend traditionelle Gemeinschaft einer Kleinstadt erfahren, die sich ihre eigene Würde bewahrt hat.