Ligurien - April/Mai 2009
Orchis Patens im zweiten Anlauf
Am 30. April sind es auf den Tag genau zwei Jahre her, dass wir zum ersten Mal Orchis patens in Ligurien aufspüren wollten, der einzigen Region in Europa, in der diese besondere Orchidee verbreitet ist. Damals kamen Klaus und ich ich mit der Bahn aus dem Süden, im Anschluss an unsere Exkursion in Apulien. Wir stiegen in Rapallo aus dem Zug und wanderten einen ganzen Tag lang durch die Umgebung nordöstlich dieser Küstenstadt, ohne fündig zu werden. Diesmal nähern wir uns dem Ziel von Norden. Um sechs Uhr früh fahren wir im Kanton Aargau mit dem Auto los, um frühzeitig die Südseite der Alpen zu erreichen. Gleich hinterm Gotthard-Tunnel erweisen wir einem besonderen Standort von Dactylorhiza sambucina unsere Referenz. Zu hunderten brechen die Pflanzen mit ihren hellgrünen Blättern bei Airolo in 1340 Meter Höhe durch den Boden, der noch mit letzten Schneeresten bedeckt ist.
Von der Autobahnraststätte ins Feld
Die Eindrücke von diesem Morgenausflug und ein Kaffee helfen über die lange Weiterfahrt bis Genua hinweg. Als wir nach einer Folge von unzähligen Tunneln in der Nähe von Nervi eine Autobahnraststätte erreichen, ist es noch früh am Nachmittag, genug Zeit für einen ersten Weg ins "Feld". Dem Hinweis eines Schweizer Orchideenfreundes folgend, finden wir den etwas versteckten Einstieg zu einem Pfad, der uns auf einen Hang über dem Autobahntunnel führt. Wir sind plötzlich weit entfernt vom Verkehr in einer Landschaft, die vor vielleicht 50 Jahren einmal kultiviert war und die sich nun die Natur zurückgeholt hat. In einem verfallenen Steinhaus wächst eine Feige, die Umgebung wird von Thymian und kleinen Eichen geprägt - und vom grandiosen Ausblick aufs Mittelmeer. Als erste mediterrane Orchideen begrüßen uns Serapias lingua und Serapias vomeracea. Beim Aufstieg durch immer dichtere Vegetation finden wir auch Dactylorhiza fuchsii, Orchis mascula und Orchis provincialis mit ihrer typischen "Schafsschnauze". Cephalanthera longifolia und Neottia ovata ergänzen die Orchideenflora dieser besonderen Landschaft.
Nach ein paar Kilometern Weiterfahrt erreichen wir unser Ziel Lavagna.
In alten Olivenhainen
Im Hotel Tirreno, das seine besten Zeiten offenbar hinter sich hat, ruhen wir uns ein Stündchen aus, ehe wir noch etwas tun, um uns die Abend-Pizza zu verdienen. Hinter der kleinen Siedlung San Bernardo, gleich nach einer Autobahn-Unterführung, werfen wir von der kleinen Straße aus einen Blick in einen ehemaligen Olivenhain. Da steht sie, die lang gesuchte Orchis patens mit den offen abstehenden Sepalen, die ihr den Namen gegeben haben. Sonst gibt es diese besondere Art nur noch in Algerien und Tunesien. Die Lösung für das Rätsel dieser beiden so weit voneinander entfernten Standorte liegt wohl bei der Schwesterart Orchis spitzelii, die vermutlich Überbrückungshilfe geleistet hat. Wunderschön sind bei dieser Orchidee die grünlichen Zentren der Sepalen. Sie blüht hier gerade auf, der Blütenstand hat fünf Blüten und zehn Knospen. Am oberen Rand der Siedlung führt uns ein Pfad in einen kleinen Bachgrund mit einem terrassenförmig gestuften Wiesengelände, das uns im späten Abendlicht eine grandiose Orchideenfülle präsentiert: Mehr als 30 Orchis patens, darunter eine sehr große Pflanze mit 50 Zentimetern, bei der wir 30 Blüten zählen. Bei einer anderen Pflanze studieren wir den längeren Sporn, was auf einen Hybrid-Einfluss von Orchis mascula hinweist, die hier ebenfalls wächst. Außerdem notieren wir Dactylorhiza fuchsii, Anacamptis morio und wieder Serapias lingua. Zum ersten Mal sehe ich Serapias neglecta, einen gedrungenen Zungenstendel mit einer breiten, herzförmigen Lippe in hellem Lachsrot. Erst gegen 20.00 Uhr reißen wir uns los von diesem Ort, um den langen Tag beim Essen und einem Rotwein ausklingen zu lassen.
Am nächsten Tag, Maifeiertag, ist die kleine Straße von Lavagna in die Berge weit befahrener als gestern, der Gegenverkehr auf der eigentlich einspurigen Straße regelt sich unkompliziert, indem der Ängstlichere nachgibt. Über San Bernardo geht es hinaus in die kleine Ortschaft Santa Giulia, wo wir an der Kirche parken. Über alte Pflastersteingassen gelangen wir in eine Gegend mit Wiesen, Olivenhainen und Weinbergen. Auf einer Wiese stehen dichtgedrängt mehrere tausend Serapias, lingua und neglecta, einige auch mit weißer Lippe. Etwas weiter kommen wir zu einem Hain mit Orchis patens, Anacamptis morio und Dactylorhiza fuchsii. In der Böschung entdeckt Klaus auch eine winzige Neotinea maculata im Gras.
Hybridbildungen mit mascula und provincialis
Am späten Vormittag fahren wir die Straße noch weiter weiter hinauf nach Sorlana. Gleich am Ortseingang halten wir an einem öffentlichen Picknickplatz, wo am Feiertag fleißig gegrillt wird. Auf der anderen Seite aber erstreckt sich ein Kastanienhang, der uns einige Stunden beschäftigen wird. Hier finden wir wieder Orchis patens sowie Orchis mascula und Orchis provincialis sowie die jeweiligen Hybrid-Bildungen. Beide haben einen deutlich verlängerten Sporn als die eigentliche Orchis patens. Bei Orchis mascula x patens ähnelt die Lippe in ihrer Dreiteilung und Färbung an mascula. Noch auffallender aber ist bei Orchis patens x provincialis die "Schafsnase" von provincialis. Paul Delforge hat die Zwischenform von Orchis patens und Orchis mascula als eine eigene Art mit der Bezeichnung Orchis ligustica beschrieben - für uns nicht zum ersten Mal auf dieser Reise Anlass, um über den Streit der Taxonomen zu spotten. Klaus bezeichnet die beiden Lager auf Englisch als "Splitter" (das sind die, die immer mehr Arten definieren) und "Lumper" (die Zusammenklumper ziehen eine beschränkte Anzahl von abgegrenzten Spezies vor). Man müsse sich aber erst mit den feinen Unterschieden beschäftigen, so mahnt er, ehe man sich in das bequeme Lager der "Lumper" begeben dürfe. Während wir den steilen Hang weiter studieren, stoßen wir auch auf Anacamptis morio, Dactylorrhiza fuchsii, Neottia ovata und Neotina maculata - darunter auch eine hellblütige Form mit ungefleckten Blättern. Schließlich finden wir auch die ersten Ophrys-Arten in Ligurien: Eine gerade erst knospende Ophrys apifera und abblühende Ophrys sphegodes. Als wir noch den benachbarten Wald erkunden, entdecke ich eine weiß blühende Orchis mascula, die ihr violettes Punktmuster behalten hat, umgeben von 15 Pflanzen in der Standardfarbe - neues Anschauungsmaterial für meine Studien bei albiflora.eu. Die kleine Pflanze ist nur zehn Zentimeter groß und hat vier Blüten.

Nach so viel Schauen auf kleinem Raum wollen wir wieder weiter ausholen. Wir wandern am Nachmittag zum Monte Capenardo, der sich bis zu einer Höhe von 693 Metern über Solarno erhebt. Der Wald ist Fuchsii-Land, auch viele Cephalanthera longifolia wachsen hier. Weiter oben stoßen wir dann zunehmend auf Orchis mascula. Auf einem anderen Weg laufen wir ins Tal zurück und kommen noch einmal an einer Serapias-Wiese vorbei. Wieder in Sorlana müssen wir "unserem" Hang noch einmal Tribut zollen. Meinen Abschied von Orchis patens unterbricht Klaus mit einem Ausruf der Überraschung: Er hat ganz dicht am Boden eine Rosette von Spiranthes spiralis entdeckt - da gibt es also auch im September noch etwas zu blühen.
Artenliste
- Anacamptis morio
- Cephalanthera damasonium
- Cephalanthera longifolia
- Dactylorhiza fuchsii
- Neottia ovata
- Neotinea maculata
- Ophrys apifera
- Ophrys sphegodes
- Orchis mascula
- Orchis patens
- Orchis provincialis
- Serapias lingua
- Serapias neglecta
- Serapias vomeracea
- Spiranthes spiralis