EINE FASZINIERENDE PFLANZENFAMILIE

 

Orchis masculaOrchideen sind anders. Viele kennen sie als exotische Boten aus den Tropen. Sie sind aber auch in Europa zu finden - überall dort, wo ihre Ansprüche an Boden, Licht und Klima erfüllt sind. Die Bestandsentwicklung der europäischen Orchideen ist ein Frühwarnindikator für die Umwelt. Während einige kaum gefährdet sind oder sich sogar ausbreiten können, sind andere Arten akut bedroht von Straßen- und Siedlungsbau, Landwirtschaft oder Freizeitindustrie.

In früheren Jahrhunderten haben Botaniker Herbare angelegt, um die in einer bestimmten Region lebenden Pflanzen zu erfassen und zu studieren. Was damals solche Belegbücher mit getrockneten Pflanzen waren, sind heute Fotosammlungen im Netz - miramis.de dokumentiert europäische Orchideenarten und ergänzt andere Sammlungen. Es dient als Bestimmungshilfe und zeigt, wie wichtig es ist, die Standorte dieser besonderen Pflanzen zu schützen.

Die Fotogalerie enthält alle Aufnahmen, sortiert nach Gattungen und Arten. Über das Menü "gattungen" gelangt man zu den einzelnen Orchideen-Gattungen mit Kurzbeschreibungen der Arten und entsprechenden Fotos. Einen geografischen Zugang zur Orchideenflora bieten die Exkursionsberichte.

Orchideen (Orchidaceae) gehören zu den einkeimblättrigen Pflanzen (Monocotyledonen) - das ist die kleinere Hauptgruppe des Pflanzenreichs (die meisten Pflanzen gehen aus zwei Keimblättern hervor). Aber mit rund 20.000 Arten, die von der Botanik in rund 750 Gattungen eingeteilt werden, sind die Orchideen eine der vielfältigsten Pflanzenfamilien - etwa 7 bis 10 Prozent aller Arten von Blütenpflanzen gehören zu den Orchideen. Sie besiedeln mit Ausnahme der Polargebiete, der Wüsten und Ozeane alle Regionen der Erde, besonders reichhaltig die der Tropen und Subtropen. Von dort kommen zahlreiche Züchtungen. Dabei wachsen auch in Europa je nach Abgrenzung etwa 500 Arten. Pierre Delforge schreibt in seinem "Guide des orchidées d'Europe, d'Afrique du Nord et du Proche-Orient", die Orchideen seien "les témoins superbes et menacés d'une Nature qui meurt, par l'insolent succés démographique de l'espèce humaine", also "die stolzen und bedrohten Zeugen einer Natur, die stirbt, wegen des anmaßenden demographischen Erfolgs der menschlichen Art".

Spiranthes spiralis  Einkeimblättrig sind auch die Liliengewächse (Liliaceae), aus denen die Orchideen entwicklungsgeschichtlich vermutlich hervorgegangen sind. Dies zeigt sich im ähnlichen Aufbau der Blüte. Orchideen gehören zu den jüngeren Pflanzenfamilien in der Geschichte der Evolution. Sie sind vor schätzungsweise 20 bis 30 Millionen Jahren aufgetaucht - die ersten anderen einkeimblättrigen Arten gab es hingegen schon vor 100 Millionen, die ersten zweikeimblättrigen Arten sogar vor 150 Millionen Jahren. Die ältesten Pflanzen sind Nadelbäume, die anhand von Fossilien bereits vor 300 Millionen Jahren nachgewiesen werden können. Die älteste fossile Orchidee, die in Deutschland (im Bodenseeraum) gefunden wurde, wuchs vor etwa 15 Millionen Jahren.

Orchis anatolica Die in Europa wachsenden Orchideen gehören zu den terrestrischen Arten oder Geophyten, die aus dem Boden wachsen. Der größere Teil gehört jedoch zu den Epiphyten, die auf Bäumen oder anderen organischen Unterlagen "aufsitzen" - daher spricht man auch von "Aufsitzerpflanzen". Die meisten tropischen Orchideen sind Epiphyten. Daneben gibt es noch lithophytische Orchideen, die auf Felsgestein wachsen.

Die europäischen Orchideen stehen nur ein bis zwei Monate in voller Blüte. Viele Arten (etwa bei den Gattungen DactylorhizaOrchis und Epipactis) sind im Herbst und Winter gar nicht sichtbar; ihre Knollen oder Rhizome treiben erst im Frühjahr wieder neue Blätter aus. Andere Arten (etwa der Gattung Ophrys) überwintern mit ihren Blattrosetten. Alle Orchideen sind mehrjährig (perennierend).

Steveniella satyrioides Seit 1970 hat sich die Zahl der in Europa neu bestimmten Orchideenarten etwa verdreifacht. Dabei ist die als Taxonomie bezeichnete Benennung und Abgrenzung der Arten immer wieder Gegenstand kontroverser Debatten. In jüngster Zeit haben genetische und molekularbiologische Untersuchungen zu einer Neubewertung bei der Abgrenzung der Arten und Gattungen geführt. Dabei kam es zu einigen Änderungen gegenüber der Abgrenzung, die sich jahrhundertelang allein nach morphologischen Gesichtspunkten gerichtet hat, also nach der äußeren Gestalt und Struktur der Pflanzenteile.

Die Bestimmung auf miramis.de folgt bei den Gattungen OrchisAnacamptis und Neotinea dem gleichnamigen Werk von Horst Kretzschmar, Wolfgang Eccarius und Helga Dietrich (2007 im Verlag EchinoMedia erschienen), die sich an die Arbeiten des Londoner Botanikers Richard Bateman anlehnen. Bei Ophrys und anderen Gattungen wurden auch das genannte Handbuch von Paul Delforge (in der dritten Auflage von 2005), Helmut Baumann/Siegfried Künkele/Richard Lorenz. Die Orchideen Europas (Stuttgart 2006) sowie die Beschreibung der Arten in "Die Orchideen Deutschlands" (hrsg. von den Arbeitskreisen Heimische Orchideen, Uhlstädt-Kirchhasel 2005) herangezogen.