Ophrys

dt: Ragwurz

Zu den charakteristischen Merkmalen dieser Gattung gehört die samtartig beharrte Blütenlippe mit auffälliger Zeichnung, die an einen Insektenkörper erinnert. Die weit nach außen gestreckten seitlichen Sepalen unterscheiden sich deutlich von den Petalen. Der Name leitet sich ab aus dem griechischen Wort "ophis" für "Schlange", eingeführt wurde er von dem Baseler Botaniker Caspar Bauhin (1560-1624).

Mit Ausnahme der autogamen Ophrys apifera sind die Ophrys-Pflanzen auf Fremdbestäubung angewiesen. Ihre Blüten haben keinen Nektar, dafür aber ein anderes einzigartiges Mittel, um Insekten anzulocken: Die Lippe imitiert den weiblichen Hinterleib bestimmter Insektenarten. Außerdem werden charakteristische Sexualduftstoffe (Pheromene) dieser Insekten abgesondert. Chemische Analysen haben auf der Lippe von Ophrys-Blüten bis zu 100 verschiedene Stoffe festgestellt, deren Kombination dem Insektenduftstoff ähnelt. Bei einigen Arten wie Ophrys speculum sind sogar "Pseudo-Augen" entwickelt. Derart getäuscht, fliegen die männlichen Bestäuber die Blüten an, nehmen deren Pollen mit und tragen sie zur nächsten Blüte. Dieses Phänomen wird als Pseudokopulation bezeichnet. Nach Forschungen von Pierre Delforge dauert eine solche Pseudokopulation oft nur wenige Sekunden, manchmal aber auch eine Viertelstunde.

Die Anpassung an ganz bestimmte Bestäuber, oft auf kleine Regionen begrenzt, hat die große Vielfalt von Ophrys-Arten begünstigt. Dabei gibt es bislang keine allgemein anerkannte Abgrenzung von Arten und Unterarten. Bei Pierre Delforge (Guide des orchidées d'Europe. Paris, 3. Auflage 2005) gehören der Gattung 252 Arten an. Helmut Baumann, Siegfried Künkele und Richard Lorenz (Die Orchideen Europas. Stuttgart 2006) billigen aber nur 62 Pflanzen die Rangstufe einer eigenen Art zu und betrachten die übrigen als Unterart.

Delforge unterschiedert zwei Sektionen mit insgesamt 32 Gruppen. Die Ragwurzarten der Sektion Pseudophrys haben meist lang gestreckte Lippen, hier erfolgt die Pseudokopulation mit dem Unterleib des Insekts. Bei den Euophrys hingegen sammelt die Biene oder ein anderes Insekt den Pollen mit dem Kopf ein; die Lippe ist hier oft kürzer.

a) Ophrys-Gruppen der Sektion Pseudophrys:


b) Ophrys-Gruppen der Sektion Euophrys


Hybrid-Bildungen sind bei Ophrys innerhalb der Gattung sehr verbreitet. Es gibt mehrere Millionen potenzieller Kreuzungen, von denen mehr als 450 in der Literatur beschrieben wurden.

Ophrys-Orchideen gibt es von Südskandinavien bis Nordafrika, vom Kaspischen Meer bis zu den Kanarischen Inseln. Der Schwerpunkt der Verbreitung liegt im Mittelmeerraum, in Deutschland wachsen sechs Arten.